|
Das Kreuz mit der Allergie
Wer mit Heuschnupfen auf Blütenpollen reagiert, entwickelt oft auch eine Empfindlichkeit gegen
Nahrungsmittel, besonders Obst und Gemüse
Von Lajos Schöne
Quelle: Welt am Sonntag Nr. 15 – 11. April 2010
Der Gaumen juckt, die Augen tränen, die Nase schwillt zu, und der Körper wird von Niesattacken
durchgeschüttelt. Menschen, die auf Pollen mit Heuschnupfen reagieren, sind in der Blütezeit nicht zu beneiden. Doch selbst wenn Birke, Erle und Haselstrauch endlich verblüht sind, gibt es für viele
keine Entwarnung. Zwar müssen sie dann nicht mehr den Pollenkalender im Blick haben - doch ganzjährig ihren Speiseplan, um lästigen und mitunter sogar gefährlichen Symptomen aus dem Weg zu
gehen. Die Zahl der Pollenallergiker, die auch auf Nahrungsmittel allergisch reagieren, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen,
Professor Ludger Klimek vom Zentrum für Rhinologie und
Allergologie Wiesbaden: Fast jeder fünfte Europäer leidet unter Pollenallergie, und die meisten Allergiker gegen Birkenpollen entwickeln mit der Zeit auch eine Allergie gegen Nahrungsmittel. Die am
besten untersuchten Kreuzallergene sind die der Birkenpollen, die in Mitteleuropa am häufigsten für pollenassoziierte Nahrungsmittelallergien verantwortlich zu sein scheinen. Hierzu zählen vor allem
Allergien auf Steinobst wie Apfel, Pfirsich und Kirsche sowie die Haselnuss als Schalenfrucht.“
Die Zusammenhänge sind häufig nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Wird enkt schon an eine
allergische Reaktion, wenn jemand beim Kartofffelschälen plötzlich Niesanfälle bekommt? Oder wenn nach dem kräftigen Biss in eine knackige rohe Karotte die Lippen anschwellen? In beiden Fällen gibt
es aber Querverbindungen zu den Allergenen von Bäumen und Gräsern.
Haselpollen-Allergiker reagieren gehäuft auf Haselnüsse. Menschen, die mit Heuschnupfen auf
Gräserpollen reagieren, entwickeln oft auch Empfindlichkeiten gegen Möhren, Kartoffeln, Erdnüsse und Kiwi. Die aus dem angloamerikanischen Raum stammende Weisheit „An apple a day keeps the doctor
away“ („Ein Apfel am Tag hält dir den Arzt vom Leib“) hat für viele Birkenpollen-Allergiker keine Gültigkeit, im Gegenteil. Sie reagieren über die Jahre in zunehmendem Maß auf Kern- und
Steinobst, also auf Äpfel, Pfirsiche, Kirschen, oft auch auf Hasel- und Walnüsse.
Bei manchen Betroffenen kann schon ein Stück rohen Apfels zu juckenden Quaddeln
(„Urticaria“) im Mund führen. Klimek: „Die allergische-anaphylaktische Reaktion reicht von Zungen- und Lippenbrennen über Schleimhautschwellungen, Halskratzen, Gaumenjucken, Schluckstörungen bis
hin zur akuten Atemnot. Es kann auch zu Schwellen der Ohren, Fließschnupfen, Blockade der Nase und Augenjucken kommen.“
Besonders viel Menschen sind gegen Sellerie überempfindliche. Es ist jetzt 25 Jahre her, dass der
Züricher Allergologe Brunello Wüthrich zum ersten Mal eine Allergenverwandtschaft erkannte, die er als „Sellerie-Karotten-Beifuss-Gewürz-Syndrom beschrieb. Wer daran leidet, muss beim Essen oft besonders
umsichtig sein. Allein Sellerie findet sich in hunderterlei Dingen, von Suppenwürfeln und Gemüsezubereitungen angefangen bis zum Kräutersalz. Mehr als die Hälfte der Sellerieallergiker verträgt auch
keine Karotten und reagiert oft zusätzlich auf Curry, Paprika, Fenchel, Anis Kümmel, Koriander, Dill und Kamille allergisch.
Wer bestimmte Gemüse- oder Obstsorten nicht verträgt, kann sogar schon dann gefährdet sein, wenn
ein anderer es isst. Eine Nahrungsmittelallergie kann nämlich auch durch Küssen ausgelöst werden, berichtet Wüthrich. Er beschreibt den typischen Fall einer 24-jährigen jungen Frau, die seit zwölf Jahren
unter einer Pollenallergielitt. Bei ihr entwickelte sich ein orales Allergie-Syndrom mit Juckreiz an Lippen, Zunge und Gaumen, und zwar nach dem Genuss von rohen Äpfeln, Karotten, Sellerie und
Haselnüssen. Sie verzichtete auf diese Früchte, aber eines Tages passierte es trotzdem: Nach einem innigen Kuss von ihrem Freund schwollen ihre Zunge und die Lippen massiv an. Der Freund hatte
unmittelbar vor dem Treffen einen grünen Apfel gegessen.
Gefahr droht allerdings nicht nur vom Küssen, sondern auch in Küchen und Kneipen. In einer schwedischen Untersuchung an 1129
Patienten mit einer Nahrungsmittelallergie reagierten 13 Prozent schon dann, wenn sie in der Nähe von Personen waren, die das entsprechende Obst oder gemüpse aßen. 17 Prozent bekamen ihre
allergischen Symptome, wenn sie sich in der Küche aufhielten, während jemand das allergene Essen zubereitete.
Warum in den vergangenen Jahren nicht nur die Zahl der Allergiker, sondern auch die
der Kreuzreaktionen deutlich zugenommen hat, vermag zur Zeit noch niemand mit Bestimmtheit zu sagen. Wüthrich hält den steigenden Konsum von exotischen Früchten und den Vormarsch der amerikanischen
Fast-Food-Kultur für mitverantworlich: „Wir verzeichnen eine Zunahme der Fälle von Kiwi-, Mango-, Litschi-, Sesam-, Buchweizen-, Soja-, Kichererbsen- und vor allem von lebensbedrohenden, ja tödlich
verlaufenden Erdnussallergien.
Als aktuellster Auslöser allergischer Reaktionen sind Lupinen identifiziert worden, die früher nur als Tierfutter dienten. Zu Mehl vermahlene Lupinensamen werden in
der Nahrungsmittelindustrie vor allem als Zusatz zu Getreidemehlen und als sogenannter Emulgator verwendet. Lupinen besitzen eine Kreuzreaktivität vor allem mit Erdnüssen, Kichererbsen und weißen Bohnen.
In der Schweiz konnte vor einiger Zeit Lupinenmehl in einer Pizza als Ursache für einen schweren anaphylaktischen Schock verantwortlich gemacht werden.
Während allergische Reaktionen der Atemwege
wie der Heuschnupfen oft mit gutem Erfolg mit einer Desensibilisierung, einer sogenannten spezifischen Immuntherapie behandelt werden können, gibt es bei Nahrungsmittelallergien keine zufriedenstellende
Therapie, bedauert Klimek: „Die wichtigste und erfolgreichste Therapie ist im Vermeiden der entsprechenden Lebensmittel zu sehen. Mitunter ist das schwer einzuhalten, da die Allergene oftmals
versteckt und nicht deklarationspflichtig in Nahrungsmitteln vorhanden sind und es so manchmal überraschend zu einer teilweise schweren allergischen Reaktion kommt. Daher sollt der Patient
ausführlich über die wesentlichen Verhaltensmaßregeln aufgeklärt und gegebenenfalls mit einem Notfallset ausgestattet werden. Die Patienten müssen außerdem im Umgang mit dieser
„Notfall-Apotheke“ ausführlich und gründlich geschult werden.
Die Allergene von Obst und Gemüse sind Proteine. Das bedeutet gekocht, gebraten oder irgendwie erhitzt degenerieren sie und
verlieren ihre allergene Kraft. Manche Gemüsesorten, zum Beispiel Sellerie, enthalten allerdings auch hitzeresistente Allergene.
Die Gesellschaften der Allergologen warnen in Ihren Leitlinien
vor den für Nahrungsmittelallergien häufig angebotenen und meist teuren Tests und stellen außerdem fest: „Es gibt keine einheitliche Kostform, die Nahrungsmittelallergikern generell empfohlen werden
kann. Gerade auf dem Gebiet der Diätetik werden zum Teil unsinnige Vorgehensweisen empfohlen. Berichte über erhebliche Fehlernährungen durch einseitige Diäten liegen vor. Die insbesondere von einigen
Berufsgruppen empfohlene Rotationskost, aber auch Diäten aufgrund unsinniger Antikörper-Bestimmungen bei Nahrungsmittelallergie besitzen keine wissenschaftliche Grundlage. Auch „bioenergetische
Verfahren“ wie Elektroakupunktur oder die Bioresonanz, die als diagnostische und therapeutische Möglichkeiten angeboten werden, zählen zu den wissenschaftlich nicht gesicherten und daher
abzulehnenden Verfahren.
Quelle: Welt am Sonntag Nr. 15 – 11. April 2010
|